ZDF-Dokudrama über den Tag der Grenzöffnung Die schlimmsten Erwartungen übertroffen

Viele werden von der ZDF-Dokumentation „Stunden der Entscheidung: Angela Merkel und die Flüchtlinge“ wohl schon im Vorfeld nur das Schlimmste erwartet haben. Was uns das Zweite Deutsche Fernsehen da am Mittwoch abend aber geboten hat, dürfte wohl alles übertroffen haben, was selbst die härtesten Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sich vorher hätten ausmalen können.

Als wäre der Film in einer Troll-Fabrik entstanden, mit dem Ziel, wirklich sämtliche Vorurteile über Regierungspropaganda im Staatsfernsehen zu bestätigen, wiederholten die Macher der Doku wirklich alles, was den Medien in ihrer Berichterstattung über die Flüchtlingskrise jemals vorgeworfen wurde. Mehr noch: Dem ZDF ist es mit seiner Mischung aus klassischem Dokumentarfilm und von Schauspielern hölzern nachgestellten Szenen gelungen, all die unsauberen journalistischen Methoden, die man bei den Öffentlich-Rechtlichen bereits zähneknirschend eingestanden hat, noch einmal auf die Spitze zu treiben.

Bizarre Mischung aus Karikatur und Heldendarstellung

Dies zeigte sich vor allem an dem exzessiven Einsatz von Kindern. Gerade mal drei Minuten dauerte es, bis im Film erstmals in Wort und Bild die Rede von Flüchtlingskindern war. Der ehemalige taz-Journalist Martin Kaul beschrieb, wie diese am Budapester Bahnhof auf dem Boden schliefen. Auf das Einspielen der passenden Original-Bilder folgte eine gespielte Szene – von Flüchtlingen, die von nun an den ganzen Film über unsere Helden sein sollten.

Einer der beiden ist ein junger Mann, der dem Zuschauer in Interview-Sequenzen als der Initiator des „March of Hope“ vorgestellt wird, der mit einem Megaphon am Budapester Bahnhof 2015 erheblich dazu beigetragen haben soll, die Flüchtlings-Lawine ins Rollen zu bringen. Er und sein Freund werden in den Spielszenen als verzweifelte Geflüchtete dargestellt, die unbedingt nach Deutschland wollen und sich deshalb nicht in Ungarn registrieren lassen möchten. Während sie in einem fiktionalen Dialog von ihrem Schicksal berichten, schneiden die Produzenten immer wieder Original-Bilder von den Grenzen, aus den ausländischen Flüchtlingslagern und dem Budapester Bahnhof zwischen, um die dramatische Wirkung des Schauspiels noch zu verstärken.

Auch bei den Polit-Darstellern setzen die Filmemacher auf Emotion statt Sachlichkeit. Die Figur der Angela Merkel ist eine bizarre Mischung aus Karikatur und Heldendarstellung. Der Bösewicht des Films ist eindeutig Viktor Orban, über den gesprochen wird wie von Mephisto persönlich. „Orban will keine Lösung, der will ein Problem“, heißt es in der Morgenlage des Kabinetts von Peter Altmaier, beziehungsweise dem Schauspieler der ihn gibt. Es folgen Archivaufnahmen einer Regierungspressekonferenz, in der Regierungssprecher Steffen Seibert den ungarischen Ministerpräsidenten an seine „rechtlichen und humanitären Verpflichtungen als Teil der westlichen Wertegemeinschaft“ erinnert.

Fragwürdige Rolle der Journalisten

Wenige Filmsequenzen später: Bilder vom Krieg in Syrien. Dann Szenen von überfüllten Flüchtlingsbooten im Mittelmeer und immer wieder: Kinder, Kinder, Kinder. Trotz der vielen Interviews mit Politikern und Journalisten macht sich die ZDF-Produktion erst gar nicht die Mühe, den Versuch zu unternehmen, den Zuschauer von der Entscheidung Merkels an jenem 4. September 2015, als sie quasi im Alleingang die Grenzen aufgemacht hat, argumentativ zu überzeugen. Der Bürger vor dem Fernseher soll bei seinen Gefühlen gepackt und in den Sog der blinden Willkommenskultur aus den Anfangszeiten der Asylkrise zurückgezogen werden.

„Wir laufen nach Deutschland. Alle, die mit uns wollen, kommen vor den Bahnhof. Germany, Germany“ ruft unser junger Held den jubelnden Flüchtlingen im Bahnhof von Budapest zu. Das ganze untermalt von dramatischer Musik. Die Merkel im Film sagt mit Blick auf die über die Autobahn Richtung Österreich und Deutschland marschierende Menge: „Das ist wie 89.“ Auch Peter Tauber, der sich durch die Doku schleimt, als sei er der Wurmfortsatz des Dickdarms der Kanzlerin, strahlt in seinen Interviewpassagen, als habe er an einer Neuauflage der Deutschen Einheit mitgewirkt.

Eine wirklich interessante Sache zeigt der Film zwischen all der – selbst für ZDF-Verhältnisse in ihrer Plumpheit peinlichen Propaganda – dann aber doch auf. Nämlich die Rolle der Journalisten, auch und gerade zu Beginn der ersten großen Asylwelle. Taz-Mann Kaul, Macher der Reportage „Über die Grenzen“, berichtet darüber, wie er als Zeuge mitgefahren ist mit dem ersten Bus Richtung österreichische Grenze, weil die auf der Autobahn zurückgebliebene Flüchtlingsmenge sonst nicht geglaubt hätte, daß die Busse tatsächlich ins gelobte Land fahren, und nicht etwa, wie zuvor geschehen, in ein ungarisches Aufnahmelager.

Gründe für die Wut

Gegen Ende von „Merkels Flüchtlingspolitik als TV-Event“, wie der Deutschlandfunk das Drama nannte, läßt die Regierungschefin vor ihrem geistigen Auge die Wendezeit und ihre politische Lebensgeschichte Revue passieren. Einschließlich ihres berühmten „Dann ist das nicht mehr mein Land“-Ausspruch, dem Ausruf von Alexander Gauland, man werde Merkel „jagen“ und zahlreicher Stimmen wütender Bürger bei ausländerfeindlichen Protesten. Die Gründe für die Wut vieler Wähler, die durch die illegalen Einwanderer immens gestiegene Zahl der Sexualstraftaten, die Kölner Silvesternacht, die Messerattacken und Bahnhofsmorde, waren der Kanzlerin dagegen ebenso wenig einen Gedanken wert wie den Machern des ZDF-Films.

https://jungefreiheit.de/kultur/medien/2019/die-schlimmsten-erwartungen-uebertroffen/

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