Endlose Sühne

Endlose Sühne

Mein Vaterland hab’ich verloren stets strömen fremde Völker ein. Kaum einer ist hier mehr geboren, wie soll es denn so besser sein?

Auf meinen Wegen durch die Stadt fühle ich mich nicht daheim: mein Nachbar, ausgesucht vom Staat, will ja auch nicht Deutscher sein.

Kulturen sind gewachsen zum Zweck der eig’nen Rasse, aus bunter Vielfalt Nützlichkeit wird homogene Masse. Wir litten auch im letzten Krieg, uns sollte gar nichts mehr gehören Die ganze Welt zog aus zum Sieg Am End’wollt’man uns nur zerstören.

Durch Angst und Hunger eng vereint Und gegen aller Neider Chor, sind wir wieder aufgestanden –stärker noch als je zuvor.

Schrien noch einig die Nationen: Nieder mit der deutschen Klasse! Als einz’ge Sünder ohne schonen, machte jeder durch uns Kasse.

Trotz allem finanziellen Bluten sind die Gemüter andrer Staaten noch immer nicht beruhigt im Guten, zu weit’rer Demut wird geraten. Und zum Beweis, dass wir uns bessern, müssen wir uns nun verwässern.

 Das Ausland mischt in allem mit -jeder darf hier mit entscheiden. Und dass es ihr auch klar versteht, zensiert man uns bei jedem Schritt, durch moralisches Beschneiden des Deutschen Souveränität.

Ein Volk ist stark durch die Kultur, deshalb muss man die auch zerstören, durch ungehemmte Fremdeinfuhr. Um unser Geld sich jeder rauft, zuletzt will man noch unsre Seele -doch haben unsre eignen Herren sie schon seit längerem verkauft.

Dieses Gedicht wurde von einer neunzigjährigen alten Dame geschrieben, die ihre Kindheit und Jugend im Dritten Reich erlebte. Weder sie noch ihre Eltern waren Mitglieder der NSDAP. Als Stabshelferin durchlebte sie den Krieg und (als alleinstehende Mutter von zwei Kindern) die Jahre der Armut und dem generellen Mangel an den elementarsten Dingen des Lebens. Die Autorin des Gedichts ist eine würdevolle Frau. Wenn ihr Rücken schmerzt, läuft sie dennoch mit gehobenem Haupt zum Einkauf. Sie besteht darauf, ihre beiden schweren Taschen, eine nach der anderen, in die dritte Etage zu schleppen. Dabei vermeidet sie es, von ihren Nachbarn dabei gesehen zu werden, wie sehr es ihr Mühe bereitet. Sie nimmt keine Hilfen in Anspruch, verzichtet auf Rollator und Altendienste. Alleine zu Hause kleidet sie sich (um ihrer selbst willen) hübsch und geschmackvoll und bemüht sich, den Menschen, denen sie begegnet, einen gefälligen, optimistischen Anblick zu bieten. Sie hat sich ihre eigene Meinung mehr als verdient und erlebt. Man kann sagen, was man will, aber zu den Leistungen ihrer Generation ist heute niemand mehr imstande. Als ehemalige Justizangestellte und gebildete, stets rational denkende Person, weiß sie, dass der Begriff „Kollektivschuld“ juristisch und moralisch bedeutungslos ist. Gesetz, Recht und Ethik beziehen sich immer auf die Handlung eines Individuums. Kollektivschuld, Erbschuld, Erbsünde sind Begriffe aus der Mystik religiöser, autoritärer Ideologien und gesellschaftlicher Gesinnungskontrolle.

Nach der Niederlage waren die Deutschen nicht einfach „Verlierer“, Nein, ähnlich wie 1918 schon, handelte es sich ab 1945 um sechzig Millionen Mitglieder der Kriegsverbrecherpartei und blutrünstige, menschen-verachtende „Krauts“. Was die alte Dame dabei am meisten schmerzt und frustriert ist die Tatsache, dass man heute so tut, als wären ihre Zeitgenossen „andere“ Deutsche gewesen. Ein Volk, das sich, in unerklärter Weise und durch einen satanischen Zauber, in ein Reich der Finsternis begab. Heute sind wir also die neuen, richtigen und „eigentlichen“ Deutschen, die von ihrer alptraumhaften Verwandlung erlöst wurden und mit dem damaligen „verhexten“ Menschen nichts mehr gemeinsam haben. Diese Verwandlung, zurück in die zivilisierte Gemeinschaft der Nationen, ist den Deutschen allerdings nicht geschenkt. Sie ist eine Leihgabe und muss durch ständige Demutsrituale, Gesten der Unterwerfung, Reue und – natürlich – handfester Zahlungen bis ans Ende der gaiaktischen Zeitdimensionen erneuert werden.

Die alte Dame ärgert sich besonders darüber, dass die jüngeren Generationen sich derart von politisch korrekten und liberalen Geschichtsdarstellungen beeindrucken lassen. Die alljährlichen „Gedenktage“, Paraden von aufbereiteten „Dokumentation“, den ewigen selbstgefälligen und arroganten „nie-wieder“-Ansprachen und Gesinnungsmanipulationen. Ihre gefallene Jugendliebe war kein Opfer, dem man gedenkt – nur ein toter Feind. Deutsche Helden gibt es nicht, nur gewissenlose Aggressoren und kalte Befehlsempfänger. Sie fühlt sich verzweifelt und hilflos gegenüber jüngeren Menschen, die ihr in ignoranter Respektlosigkeit über den Mund fahren, wenn sie zu erzählen wagt, dass in den zwölf Jahren des Nationalsozialismus, entgegen der offiziellen Version, im Sommer auch die Sonne schien. Dass Menschen liebten, lachten und erschufen. Es gab Fröhlichkeit, verlässliche Freundschaften, nachbarschaftliche Fürsorge, Sicherheit und Familiensinn, Vertrauen, Respekt und Höflichkeit.

Als Überlebende einer Katastrophe fühlt sie sich belehrt von einer Generation, die nie auch nur annähernde Verhältnisse durchmachen musste und sich jetzt als Freizeitheilige aufspielen.

Auszug aus dem Buch „Der staatenlose Bürger“ von Thomas Bovet.