Messen mit zweierlei Maß

Karl-EugenMan stelle sich einmal das folgende Szenario vor: Großmanöver der russischen Seestreitkräfte in unmittelbarer Nähe der Hoheitsgewässer vor der US-amerikanischen Ostküste. Flankierend dazu Aufmärsche russischer Bodentruppen an Mexikos Grenze zu den USA.  Was würde wohl passieren? Die Antwort darauf erübrigt sich, die Folgen vermag sich jeder selbst vorzustellen (oder etwa doch nicht, weil unvorstellbar?).

Wir  Älteren  erinnern uns noch schaudernd an das Jahr 1962, die Kuba-Krise, wo die Welt vor dem Abgrund stand, wo ihr  (atomares) Ende drohte.

Das beschriebene Szenario ist eine Fiktion, die Folgen einer solchen eine Horrorvorstellung. Doch exakt diese zeichnet sich derzeit ab, nicht etwa jenseits des Atlantiks, sondern vor den Toren Russlands. Flottenverbände der Nato/USA im Schwarzen Meer und in der Ostsee, mehrere Divisionen starke Kampftruppen des „Verteidigungsbündnisses“ entlang Russlands Westgrenze und rund um das Oblast Kaliningrad sowie Aufbau und Inbetriebnahme von Raktenstellungen in Rumänien und Polen, wo man nun kleinlaut zugeben muß, dass sie doch nicht, wie uns damals entgegen der Wahrheit versichert wurde, gegen den Iran gerichtet sind, sondern auf Russland zielen. Nicht auszudenken was geschehen würde, geschehen wäre, wenn im Kreml statt besonnener Politiker wie Putin und Lawrow  die Falken in Nato und Pentagon das Sagen hätten.

„Wahrscheinlich stehen wir sogar vor einem heißen Krieg“, mit diesen Worten wird niemand geringeres als Litauens Präsidentin zitiert. Die Dramatik in dieser Aussage sollte uns alle aufrütteln, wären doch gerade wir die Opfer als Folge des dann zu erwartenden Infernos. Aber nein, es herrscht buisiness at usual vor, man verschließt die Augen vor der uns bedrohenden tödlichen Gefahr. Stattdessen setzen sich Frau Merkel und Frau von der Leyen mit ihren Ankündigungen, mehr „Verantwortung“ übernehmen zu wollen (was immer das auch heißen mag) mit  einer deutlichen Erhöhung der Rüstungsausgaben sowie der Übernahme einer führenden deutschen Rolle in der Nato an die Speerspitze einer als verhängnisvoll anzusehenden, sich zuspitzenden militärischen Konfrontation mit einem Nachbarn, der uns nichts getan hat, dem hingegen wir unendliches Leid zugefügt haben und welchem wir Dank für die Wiedervereinigung unseres Landes schulden.

Dank indes sieht anders aus. Ungeniert, dreist und wortbrüchig hat sich der Westen, und damit auch wir, Russland gegenüber verhalten, indem er der russischen Regierung im Gegenzug zu derer Zustimmung zur Wiedervereinigung einen Verzicht auf eine weitere Nato-Osterweiterung versprach. Daran hat man sich nicht gehalten. Das Gegenteil davon hat man getan. Nach der kürzlich erfolgten Einverleibung Montenegros ins US-Nato Imperium streckt das „Verteidigungsbündnis“ nun seine Gierfinger nach Schweden, Finnland und Georgien aus einzig mit dem Ziel, die Schlinge um Russlands Hals weiter zuzuziehen.  Wer sich dieser Einsicht (immer noch) verweigert verhält sich realitätsverweigernd, er möge einen Blick auf die Landkarte werfen und das heutige Natogebiet mit dem des Jahres 1990 vergleichen.

Nun also ist es wieder mal so weit. Ein neuer Russlandfeldzug wird vorbereitet. Frank Walter Steinmeier spricht von „NATO!-Säbelrasseln, Kriegsgeheul, Panzerparaden an der Ostgrenze des Bündnisses usf.“. Allein, was hat ihn zu dieser neuen Wahrnehmung gebracht? Hat er Äpfel vom Baum der Erkenntnis gegessen und ist darüber vom Saulus zum Paulus geworden? Erinnert er sich plötzlich seiner Verantwortung gegenüber seiner Familie, seiner Tochter ? Ist es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen und hat er erkannt, welcher Gefahr wir duch die derzeitige agressive Nato-Politik ausgesetzt sind? Was will er mit seinen Äußerungen bezwecken, gar ändern? Auch er ist ein (maßgeblicher) Akteur und Architekt bundesrepublikanischer Politik  sowie ein Natostratege. Die heutige Situation im Herzen Europas hat er mitgetragen, mitgestaltet, muß sie mitverantworten um nun plötzlich und unvermittelt zu einer völlig neuen Erkenntnis zu gelangen? Wer nimmt ihm das ab, wer glaubt das, was steckt dahinter? Wir wissen es nicht. Er läßt uns im Zweifel zurück. Wir sollten uns ernsthafte Sorgen machen. Die Entwicklung im Osten verheißt nichts Gutes.

Ein Gedanke zu „Messen mit zweierlei Maß

  1. Ulrich Meyer

    Ja, es ist beängstigend!!! Aber ich kann mir nicht denken, dass einer so verrückt ist auf den atomaren
    Knopf zu drücken. Es ist doch wichtiger den IS-Terror zu bekämpfen!!!

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